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Ganz ihr Ding

Kirchliche Beauftragte an den Aargauer Kantonsschulen, Rahel Albrecht

Die heiteren Ratefüchse der einstigen Kult-Fernsehsendung «Was bin ich?» hätten sich an ihr wohl die Zähne ausgebissen: Flight Attendant? Profi-Fussballerin? Gar Fotomodell? Nicht ganz. Rahel Albrecht ist Pfarrerin in Cham und seit gut einem Jahr Beauftragte für kirchliche Arbeit an der Kantonsschule Zofingen. Eine Begegnung mit der Pfarrerstochter, die eigentlich Religionswissenschaftlerin werden wollte.

Rahel Albrecht erinnert sich noch gut an einen Moment während einer Autofahrt über den Albis mit ihrem Vater. «Wir diskutierten über eine Bibelstelle und ich fand dies total spannend.» Später bereiste sie Südamerika und hielt dort gefühlt in einer Million Kirchen Einkehr. «Diese Momente hatten eine starke Wirkung auf mich. Ich spürte, dass diese Welt etwas für mich ist.» Letztlich war es Calvin, der sie zum Theologiestudium führte. Nicht Reformator Calvin, sondern sein sechsjähriger Namensvetter und dessen Stofftiger Hobbes aus der Comicreihe von Bill Watterson. «Beim Tag der offenen Tür an der Uni habe ich mich eigentlich für das Religionswissenschafts-Studium interessiert. Dann aber hat der Dogmatikprofessor sein Fach anhand von Calvin und Hobbes so humorvoll und tiefgründig vorstellt und mich damit überzeugt», lacht die heute 30-Jährige.

Das ganze Lebensspektrum
Der Wunsch, Pfarrerin zu werden, reifte während des Studiums, das Rahel Albrecht vor drei Jahren abschloss und daran das Lehramt anhängte. «Das Pfarramt ist mein Ding. Hier habe ich mit Menschen von jung bis alt zu tun.» Seit Anfang Jahr hat sie bei der Reformierten Kirche Cham eine 55-Prozent Pfarrstelle inne. Die Beauftragung durch die Reformierte Landeskirche Aargau an der Kantonsschule Zofingen (KSZO) umfasst aktuell 20 Prozent. «Diese Kombination empfinde ich als sehr erfüllend», sagt Rahel Albrecht. In der Gemeinde überwiegt die Seelsorgearbeit mit älteren, oft sehr einsamen Menschen. In der Schule trifft sie auf Themen wie Schulstress, Probleme im Freundeskreis, Identitätskrisen. Stets hört die Pfarrerin zu; fragt nach; sagt, was sie persönlich denkt. «Ich erweitere die Innensicht meines Vis-à-vis um die Aussensicht und ermögliche den Blick aufs Ganze.»

Steiler Start
In Zofingen war sie bereits kurz nach dem Start stark gefordert, denn ein Schüler beging Suizid. «Dieses Ereignis löste bei den meisten Schülerinnen, Schülern und Lehrpersonen etwas aus. Viele hatten Mühe mit der Situation.» Rahel Albrecht: «Gerade in diesem Fall aber auch sonst sage ich den Schülerinnen und Schülern deutlich, dass ich keine Psychologin bin.» Den Sinn der Seelsorgearbeit – «jeweils donnerstags von 12 bis 13 Uhr oder nach Terminvereinbarung steht die Türe zu meinem Büröli offen» – sieht sie darin, dass es oft schon hilft, wenn jemand nicht verurteilt. Rein optisch könnte Rahel Albrecht selber als Kanti-Schülerin durchgehen. «Stimmt, ich bin noch nicht so so lange erwachsen», grinst die Pfarrerin und wirft einen Kontrollblick auf die Haarspitzen zwischen ihren Fingern. «Ich sehe mein Alter eher als Vorteil, weil ich noch nicht so weit weg bin von den Themen der Schülerinnen und Schüler. Herausfordernd ist natürlich, dass ich als Lehrerin nicht ihre Kollegin bin.»

Ergänzungsfach Religionslehre
Neben der Seelsorgearbeit erteilt Rahel Albrecht an der KSZO das ökumenische Freifach Religion, ist Kontaktstelle für ethische und theologische Fragen im interdisziplinären Bereich, wirkt mit bei Sonderwochen und anderen Schulprojekten, begleitet religionswissenschaftliche und theologische Matura-Arbeiten und bietet ab dem kommenden Schuljahr das «Ergänzungsfach Religionslehre» an. «Das ist wiederum Neuland für mich. Ich habe nicht damit gerechnet, dass es für dieses Maturafach genügend Interessierte geben wird. Aber jetzt freue ich mich darauf.» Sichtlich vorfreudig erzählt Rahel Albrecht auch von den Exkursionen, wie etwa der Romreise im April 2018 zusammen mit der Latein-Lehrerin der KSZO. «Solche Reisen machen Religion und religiöse Themen greifbar. Sie verbinden Kultur, Geschichte, Gemeinschaft und können etwas Positives hinterlassen.»

Gemeinschaft und Nächstenliebe
«Was mir sehr gut gefällt an meinem Beruf ist die Abwechslung. Ich weiss nie, was der Tag alles mit sich bringt», erklärt Rahel Albrecht, die sich aktuell zusammen mit ihrem aus Schweden stammenden Partner auf den tierischen Familienzuwachs vorbereitet. «Dann ist es ein Privileg, dass ich in einer Gesellschaft, wo viele gestresst sind, Zeit schenken kann und dafür erst noch bezahlt werde. Nicht nur materiell. Begegnungen beschenken mich sehr.» Religion ist für Rahel Albrecht vor allem Gemeinschaft und Nächstenliebe, eine Haltung gegenüber Mitmenschen.

Halt und Trost
Und was würde ihr besonders fehlen ohne Glaubensbezug? «Beispielsweise die Auseinandersetzung mit Sachen, die ich mir eigentlich nicht vorstellen kann. Zum Beispiel, wie ein Blinder durch die Begegnung mit Jesus sehend wird. Andererseits wäre es für mich mega deprimierend, wenn es nach dem Tod einfach fertig wäre. Der Glaube hilft mir, im Leben über den Tod hinaus zu denken. Das gibt Halt und Trost.»

Text und Foto: Carmen Frei


Portrait Rahel Albrecht
Während ihres Theologiestudiums jobbte Rahel Albrecht in der Passagierabfertigung am Flughafen Kloten. Jetzt ist sie eine überzeugende Vertreterin des himmlischen Bodenpersonals.