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In die Tiefe fragen

Kirchliche Beauftragte an den Aargauer Kantonsschulen, Martin Zürcher

In der Gesellschaft hat die Religion an Selbstverständlichkeit verloren. Doch nach wie vor gibt es zahlreiche Anknüpfungspunkte. Nicht zuletzt wirft der Radikalismus-Diskurs bei jungen Menschen Fragen zum eigenen religiösen Standpunkt auf – zu dem, was letztlich trägt. Sich in diese Auseinandersetzung einbringen zu dürfen, empfindet Martin Zürcher auch nach elf Jahren als kirchlicher Beauftragter an der Neuen Kantonsschule Aarau als Privileg.

Der Familientradition folgend, entschied sich der heute 54-Jährige für ein Elektroingenieur-Studium. Auch wenn er sich nach wie vor als Technik-Freak bezeichnet und mit Laptop und Smartphone stets auf dem neuesten Stand ist, spürte er bald, dass ihn das gewählte Umfeld nicht vollends ausfüllte: «Ich suchte nach mehr Tiefe.» Mit der Wahl des Theologiestudiums in Zürich knüpfte er einerseits an seine positiven Erfahrungen in der offenen, katholischen Jugendarbeit an, und andererseits an die Auseinandersetzungen mit seinem Götti: «Er war ein Alt-68er, der zwar religiös argumentierte, aber stets mit kritischem Geist. Das steckt bis heute in mir drin.»

Glaube hat mit Musik zu tun
Martin Zürcher war sieben Jahre lang Pfarrer im Zürcher Oberland. Dort lernte er auch seine Frau kennen, welche als Opernsängerin in einem Weihnachtsgottesdienst konzertierte. «Ich schaue einfach gerne hinter die Fassade», bemerkt Martin Zürcher etwas unverhofft und stellt lachend den Zusammenhang her: «Sogar unsere Flitterwochen in Indien waren mehr Studien-, denn Hochzeitsreise.» Das Paar ist mittlerweile Eltern von drei aus Äthiopien adoptierten Mädchen im Alter zwischen fünf und elf Jahren.

Wider die Monokultur
Martin Zürcher ist ein Mensch ohne Berührungsängste. Da passt es, dass er neben seinem 50-Prozentpensum an der Neuen Kantonsschule Aarau (NKSA) als Gefängnisseelsorger in Zürich und Meilen tätig ist. «Das Gefängnis ist für mich ein spannender Ort, weil man nackt vor dem Leben ist. Dort kann ich ebenfalls Geburtshelfer sein für den weiteren Weg.» In der Schule dasselbe. Ob seine Schülerinnen und Schüler sich dem Atheismus, Satanismus, Buddhismus oder was auch immer verbunden fühlen: «Ich schätze die Vielfalt und bin absolut nicht monokulturmässig veranlagt. Darum gefällt mir das schulische Umfeld. Es ist eine Welt, wo man hinterfragt. Ich kann junge Menschen begleiten, die sich nicht zu früh zufrieden geben mit dem was läuft im Leben und sie teilhaben lassen an meinen eigenen Erfahrungen.»

Der untrügliche Riecher
Der Vielleser bemerkt, dass die Schule Gefahr läuft, zum Elfenbeinturm zu verkommen. «Deshalb hole ich die Welt ins Schulzimmer.» Nichts leichter als das für einen wie Martin Zürcher. Hat er zum Beispiel zwischen seinen Einsätzen als Gefängnisseelsorger eine Pause, streift er durch Zürichs Gassen. Dort spricht er unverhofft Personen an: «Ich habe ein gutes ‹Gspüri› dafür, wo es interessant ist», verrät er schmunzelnd. Er holt nicht nur spannende Persönlichkeiten in den Unterricht, sondern hält diesen regelmässig an unkonventionellen Orten wie im Theater oder im Kunsthaus ab. Martin Zürcher: «In einer Gesellschaft, wo der Machergeist vorherrscht, sind es vor allem die Künstlerinnen und Künstler, die Zeit haben, inne zu halten und Fragen zu stellen.» Damit Religion eine existenzielle Dimension erhält, darf sie seiner Ansicht nach nicht nur über den Kopf vermittelt werden. «Es braucht Ansichten und Einsichten aus unterschiedlichen Lebenswelten.»

Zwischen Tradition und Moderne
Der in Aarau aufgewachsene Martin Zürcher verlor in jungen Jahren seinen Bruder durch einen Töffunfall. «Ich hätte diese Erfahrung durchaus mit Alkohol ertränken können», gesteht er. Er hielt ihr den Glauben entgegen und durfte spüren, dass dieser trägt. «Der Glaube ist für mich eine Sprache, um mit dem Unverfügbaren umzugehen.» Er schätzt es, seinen Schülerinnen und Schülern die Augen für dieses Unsichtbare öffnen zu dürfen, es zu zersetzen und irgendwann einen Punkt zu setzen. «Ich lasse die kritische Erinnerung und Hoffnung stehen.» Martin Zürcher fühlt sich als modernen Menschen, «als etwas Zeitgemässes», der gleichwohl aus dem Schatz der christlichen Tradition schöpft. Diese Haltung macht ihn glaubhaft. Ob Ergänzungsfach Religionslehre, Freifach Religion oder in der Begleitung von zahlreichen Maturaarbeiten: der kirchliche Beauftragte an der NKSA wirkt wie ein Magnet auf die jungen Erwachsenen. Er selber schätzt sich offensichtlich glücklich, dass er sein Hobby – forschen, in die Tiefe fragen und andere daran teilnehmen lassen – zum Beruf machen konnte. Martin Zürcher: «Treffe ich im Zug auf ehemalige Schülerinnen und Schüler zeigen sie sich oft dankbar, dass sie mich einfach alles fragen konnten. Nur die Antworten müssen sie natürlich selber finden.»

Text und Foto: Carmen Frei


Martin Zürcher vor dem Kunsthaus Aarau: «In einer Gesellschaft, wo der Machergeist vorherrscht, sind es vor allem die Künstlerinnen und Künstler, die Zeit haben, inne zu halten und Fragen zu stellen.»
Martin Zürcher vor dem Kunsthaus Aarau: «In einer Gesellschaft, wo der Machergeist vorherrscht, sind es vor allem die Künstlerinnen und Künstler, die Zeit haben, inne zu halten und Fragen zu stellen.»